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Plastik kommt nicht mehr in die Tüte!

Mitstreiter und Ideen gesucht: Die Stadt Roth könnte sich als umweltfreundliche Kommune positionieren

VON PETRA BITTNER

ROTH – Plastik? Kommt ihm nicht mehr in die Tüte! Helmut Dürschinger übt seit November den konsequenten Verzicht auf Einweg-Tragetaschen in seinem Laden - und kann auf gute Erfahrungen verweisen: "Die Kunden ziehen mit". Drum hat der Eigentümer des Rother Vedes-Family-Stores eine Vision entwickelt: "Die plastiktütenfreie Stadt Roth - das wär' der Knüller!", sagt Dürschinger euphorisch und sucht nun nach Möglichkeiten, diesen Zukunftstraum mit Realität zu nähren. Ein paar Mitstreiter hat er schon, Befürworter sowieso.

Es war ein Pottwal, der so manchen Verbraucher das Fürchten lehrte. Nachdem der tote Gigant 2012 an Andalusiens Küste geschwemmt worden war, stand die Diagnose alsbald fest: Verendet am Zivilisationsabfall. Kilo um Kilo Plastik zog man aus dem Magen des Meeressäugers. Kein Einzelfall...

Helmut Dürschinger gruselt's vor solchen Nachrichten. Die "Bilder von riesigen Plastiktüteninseln innerhalb der Ozeane" haben sich ihm eingebrannt - und deshalb gärte es schon länger im Bewusstsein des Geschäftsmannes: "Man muss was tun!"

Ein Anliegen, eine Idee

Da kam Daniela Wild vom gleichnamigen Rother Reisebüro gerade recht. Denn die hatte ein karitatives Anliegen samt einer Idee: Jutebeutel wollte sie von Rother Kindern gestalten lassen und diese Taschen dann im Advent 2014 veräußern - für den guten Zweck. Helmut Dürschinger hängte sich gerne dran. Zwar ohne Jutebeutel, dafür aber mit dem Vorsatz: "Für jede Plastiktüte, auf die unsere Kunden verzichten, fließt Geld in den Spendentopf". Gesagt, getan. Demnächst darf sich die "Rother Tafel" über 500 Euro aus der gemeinsamen Weihnachtsaktion freuen.

Doch für Wild und Dürschinger soll damit nicht Schluss sein. Ganz im Gegenteil. "Das könnte der Anfang werden", erklärt Helmut Dürschinger. Der Anfang einer groß angelegten Kampagne im Sinne von Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Ziel: die plastiktütenfreie Kommune.

"Das wäre auch fremdenverkehrstechnisch eine tolle Sache", meint Dürschinger. Gleichwohl weiß er: "Es geht nur, wenn möglichst viele Geschäfte und vor allem die Stadt im Boot sitzen". Gespräche mit Citymanager Andreas Fehr hätten deshalb schon stattgefunden.

Der bestätigt's und findet die Initiative "absolut unterstützenswert". Dass das Engagement von lokalen Händlern ausgehe, begrüßt Fehr sehr und will die Bestrebungen daher auch offiziell forcieren: Beim nächsten Treffen der Innenstadthändler am 19. Februar werde das Projekt auf die Agenda rücken, versichert er.

Und sollten Bürger, Politik wie Gewerbetreibende dereinst Hand in Hand für ein "plastiktütenfreies Roth" gehen, dann könnte das durchaus "die Initialzündung für einen weiterführenden Prozess in Sachen Nachhaltigkeit" sein - plus "positiver Imageeffekt für die Stadt", so Fehr.

Derlei Gedankenspiele vermag der Roßtaler Grünen-Politiker Michael Brak mittlerweile auch auf ihren Wirklichkeitsgehalt hin zu prüfen. Denn am 1. Januar 2014 hatte sich Roßtal auf den Weg gemacht, die erste plastiktütenfreie Kommune Frankens zu werden.

Impulsgeber war die kleine Grünen-Fraktion im Marktgemeinderat. Doch das, meint Brak, spiele im Nachhinein keine Rolle mehr. "Die Hauptrolle kommt inzwischen den Bürgern zu, die durch eine kleine Änderung ihrer Gewohnheiten den Kampf gegen die Plastiktüte aufgenommen haben".

Probates Konzept, auf das man setze, sei - entgegen allen EU-Strafsteuerplänen - das der Freiwilligkeit. Kein Zwang keine Stigmatisierung, sondern "gesunder Menschenverstand". Weil Michael Brak gemerkt hat: "Wenn die Leute sehen, was Plastik in der Umwelt verursacht, dann sagen sie automatisch ,Allmächd'!" Trotzdem könne es nicht darum gehen, Kunststoff komplett zu verbannen - "wir leben schließlich im Plastikzeitalter", konstatiert Brak nüchtern - vielmehr müsse man sich "über den unnützen Verbrauch" Gedanken machen.

25 Minuten werde eine Plastiktüte im Schnitt verwendet. Hingegen dauere es hunderte von Jahren bis sie sich zersetzt hätte. Die kläglichen Überreste landeten derweil in Ökosystem und Nahrungskette. "Diesen Blödsinn muss man doch nicht mitmachen", positioniert Brak sich klar.

Richtige Richtung

Das sehen offenbar auch die Roßtaler so. Der örtliche Handel gebe Plastikbeutel meist nurmehr auf Nachfrage heraus und laut Zählung würden immer mehr Bürger auf alternative Einkaufstaschen sowie -behältnisse setzen. "Es ist noch nicht der Erfolg, den wir uns vorgestellt haben, aber ein Schritt in die richtige Richtung", bilanziert Michael Brak. Und: "Wir bleiben dran."

Drangeblieben ist seit mehr als einem Jahr auch die Rother Buchhandlung Genniges an ihrem Projekt: Die spendet nämlich für jede nicht ausgehändigte Plastiktüte Geld an den Auhof, wo sich die Bauernhof-Esel an der funktionierenden Futterpatenschaft laben.

"Das wird sehr gut angenommen. Die Kunden verzichten gerne auf Tüten", erklärt Geschäftsinhaberin Sonja Freyberger und verzeichnet einen "immensen Rückgang" ihres Kunststoffbeutelbedarfs.

Solch' bewährtes Modell lässt Helmut Dürschinger freilich für die Zukunft hoffen: auf viele Mitstreiter, fruchtbare Ideen - und ein Konsumentenverhalten, bei dem auch den Rother Verbrauchern die Tüte bald nicht mehr in die Tüte kommt...

Quelle: Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung vom 17. Januar 2015 Seite 29

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