Sprung zum Inhalt

Die Anlieger des Gewerbegebietes „Alter Flugplatz“ in Buchschwabach
machen gegen das Vorhaben der Firma Nichia mobil

Angst vor Gesundheitsgefährdung geht um

Die Betroffenen fühlen sich nicht ausreichend über das Projekt informiert – Eine ganz ungewöhnliche Eile im Genehmigungsverfahren

ROSSTAL/BUCHSCHWABACH – Wenige Tage vor dem am 10. Juni geplanten ersten Spatenstich für den von der japanischen Firma „Nichia Chemical Europe“ im neuen Gewerbegebiet „Alter Flugplatz“ geplanten Fabrikneubau zur Wiederaufbereitung von Leuchtstoffen ist das Vorhaben auf Gegnerschaft bei den Bürgern Buchschwabachs gestoßen.

In einer Reihe von Eingaben an das Landratsamt als Genehmigungsbehörde werden gegen das Bauvorhaben gesundheits- und umweltpolitische Bedenken erhoben und wird gefordert, die Baugenehmigung solange nicht zu erteilen, bis sichergestellt ist, daß die geplante Ansiedlung des Werkes mit allen öffentlich-rechtlichen, sozialen und ökologischen Belangen in Einklang steht.

Hohes Gefahrenpotential

So monieren etwa – unterstützt durch mehr als einem Dutzend weiterer Anwohner – Andrea und Thomas Fischer, daß sie über den genauen Betriebszweck des Werkes bisher weder vom Bauherrn, noch der Gemeinde oder der Genehmigungsbehörde umfassend informiert worden seien. Vor allem fürchten sie, daß im Produktionsprozeß nicht geringes Gefährdungspotential durch giftige, krebserregende oder gar radioaktive Stoffe zutage treten könnte.

Vor allem störte die Beschwerdeführer, daß die im Produktionsprozeß stattfindende chemische Behandlung der Stoffe (die Firma selber als Beschreibung des Produktionsvorganges: „Die Anlage dient dazu, Reststoffe von Leuchtstoffen mit Beimengungen, welche bei der Beschichtung von Farbbildröhren eingesetzt werden, wieder aufzubereiten“) nicht als „Behandlung von Abfall“ gewertet wird. Wenn dies der Fall wäre, müßte nämlich die Anlage nach den Bestimmungen der vierten Bundes-Emmissionsschutzverordnung genehmigt (und dann später regelmäßig überwacht) werden.

Enormer Verbrauch

Außerdem stößt den Beschwerdeführern sauer auf, daß sich die Firma den enormen Verbrauch von fünf Sekundenlitern Trinkwasser für 24 Stunden/Tag (also ununterbrochen) zusichern ließ. Rund achtzig Prozent davon sollen als Abwasser offenbar in den Schwalbach geleitet werden, woraus die Beschwerdeführer schließen, daß solches Abwasser ja wohl nicht „sauber“ sein könnte, nachdem es nicht in einem Kreislaufsystem wiederverwendet werden soll. Zudem fürchten sie, daß durch die enorme Menge an Abwässern der kleine Quellbach, in den sie geleitet worden sollen, „zerstört“ würde.

Eine zweite „Eingabe“

Noch mehr mißtrauisch hat die Beschwerdeführer das zögerliche Behandeln ihres Anliegens bei den Behörden gemacht. Zuletzt hieß es dann, daß „Eingaben“ nur von direkten Anliegern des vorgesehenen Baugrundstückes getätigt werden könnten, was in den letzten Tagen einen zweiten Protestschritt – nun initiiert von Landwirten, deren Grundstücke direkt neben dem Nichia-Areal liegen – ausgelöst hat.

Versammlung „unnötig“

Tatsächlich scheinen die Klagen der Betroffenen, von den Verantwortlichen nicht ausreichend informiert oder mit ihren Sorgen allein gelassen worden zu sein, nicht unbegründet. Bürgermeister Maximilian Gaul hielt im Gespräch mit unserer Zeitung eine Bürger- oder Anliegerversammlung zu diesem Thema in Buchschwabach für „unnötig“. Die Interessenten seien bei der Vorstellung des Projektes im Marktrat im Sitzungssaal anwesend gewesen.

Und in der Baugenehmigungsbehörde des Landratsamtes liegt der Antrag gerade seit etwas mehr als zwei Monaten – genau seit dem 2. April, und dazwischen lagen Ostern und Pfingsten – vor. Trotzdem konnte die Firma, obwohl Abteilungsleiterin Susanne Panitz versicherte, daß bis gestern eine Genehmigung nicht ausgesprochen war, für den 10. Juni den ersten Spatenstich für ihr Vorhaben einplanen.

„Es wird noch geprüft“

„Es wurde und wird noch geprüft“, versichert die Regierungsrätin und betont, daß natürlich alle Träger öffentlicher Belange – Wasserwirtschaftsamt, Gewerbeaufsicht, Gesundheitsamt – im Verfahren gehört wurden. Aber die Abteilungsleiterin bekennt auch offen, daß die „Zeitdauer eines Antragsverfahrens natürlich auch von der Güte der eingereichten Unterlagen abhängt“.

Heute Zusammenkunft

Die Gegner des Vorhabens machen nun einen weiteren Versuch, die Genehmigung zu stoppen oder doch bis zur Klärung ihrer Fragen hinauszuschieben. Haben sie in den letzten Tagen schon Unterstützung für ihr Anliegen durch die Kreistagsfraktion der Bündnisgrünen erhalten, findet am heutigen Freitag um 19.30 Uhr in der örtlichen Gaststätte „Rotes Roß“ eine Anliegerversammlung statt, in der noch einmal alle Einwände vorgebracht werden sollen.

A.W. WIESERNER


Der Kommentar

Warum die Eile?

Die Bürger-Sorgen ernst nehmen

Wer die Ängste und Sorgen der unmittelbaren Anwohnerschaft zum „Alten Flugplatz“ in Buchschwabach wegen möglicher gefährdender Emissionen durch das geplante Nichia-Werk als „unnötige Aufregung“ abzutun versucht, zeigt, daß er nach dem Skandal um die kontaminierten Castor-Behälter nicht nur nichts dazugelernt hat, sondern auch nicht willens ist, dazuzulernen. Das Vertrauen in die Versicherungen der Industrie in der Bevölkerung ist halt – mit gutem Grund – dahin.

So darf es nicht verwundern, daß alle Alarmglocken schrillen, wenn die Genehmigungsbehörde des Landratsamtes nach gerade zweimonatiger Prüfung eines hochsensiblen Bauantrages dem Bauherrn signalisiert, man könne zum ersten Spatenstich schreiten. Kommt die Eile daher, daß der Geschäftsführer von Nichia selber das Vorhaben als „heißes Eisen“ bezeichnet und man in Roßtal der Meinung ist, das Heil des Marktes hänge von 40 Arbeitsplätzen ab?

Bei anderen Vorhaben im Kreis ist das Amt jedenfalls nicht so schnell. Der Markt Cadolzburg – zum Exempel – wartet seit mehr als einem halben Jahr auf die Genehmigung zum Bau seiner neuen Grundschule in Egersdorf-Nord. Und dieses Vorhaben ist doch wirklich nicht so problembeladen wie das von Nichia in Buchschwabach.

ADAMWALTER WIESERNER

Quelle: Fürther Nachrichten vom 5. Juni 1998 Seite 46

XHTML 1.0 CSS WCAG1AAA