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Kastanien-Überfall bringt Clarsbacher auf die Palme

Am frühen Morgen sägten Arbeiter das Wahrzeichen des Dorfes um –
Baum als Symbol auf Fahnen und Krügen

VON BIRGIT HEINRICH

„Vielen Dank allen, die diese Aktion gewollt und unterstützt haben.
Der Dorfdepp“ steht auf einem Transparent. Mehr als 50 Clarsbacher
protestieren dagegen, dass ihre 150 Jahre alte Rosskastanie
gefällt wurde.
Foto: Hans-Joachim Winckler

Die Dorfbewohner sprechen von einer Nacht- und Nebelaktion, bei der man ihr Wahrzeichen „umgenietet“ habe. Die Behörden sagen, alles sei von langer Hand geplant worden: Am Donnerstagmorgen um 8.30 Uhr fiel die 150 Jahre alte Rosskastanie in der Ortsmitte von Clarsbach der Kettensäge zum Opfer. Die Wellen der Empörung schlagen nun hoch, zumal der Baum als Symbol auf zahlreichen Fahnen, Vereinstellern und -krügen zu finden ist.

ROSSTAL – Wie der „Dorfdepp“ fühlt sich Georg Behringer nun und tut das auch auf einem Leintuch über dem Baumstumpf kund. Seit Jahrzehnten hat er für die Rosskastanie gekämpft und nun informierte ihn niemand über die drohende Fällung. „Alle haben gewusst, wie sehr uns der Baum am Herzen liegt, auch die Landrätin und der Bürgermeister von Roßtal, doch keiner aus den Ämtern hat uns was gesagt“, schimpft der 67-Jährige. Für sein Engagement habe er sogar die Bürgermedaille bekommen. Am liebsten, so sagt er wütend, würde er sie dem Bürgermeister wieder um den Hals hängen.

Doch Behringer, der durch den Anruf eines Nachbarn von der Abholzung erfuhr, ist nicht der Einzige, der sich ärgert. Zum spontanen Ortstermin kommen mehr als 50 der insgesamt rund 160 Ortsbewohner, um zu protestieren. Sie sprechen von einem regelrechten „Überfall auf unsere Kastanie“ und beschreiben die Szene detailliert.

Ein Arbeiter des Straßenbauamtes Nürnberg sei aus dem Auto gesprungen und habe dem Baum sofort den ersten Schnitt „als Todesstoß“ verpasst. Die Clarsbacher sahen keine Chance, die Aktion zu verhindern. „Sonst hätten wir uns alle im Kreis drumherum aufgestellt“, sagt Elisabeth Behringer, „und keine Säge durchgelassen.“

Josef Kisling wollte sich gar an den Stamm ketten, der einen Durchmesser von 3,20 Metern besaß. Nun ist es zu spät. Trotzdem lief Georg Behringer zu Gemeinde und Landratsamt, um sich zu beschweren.

„Der persönliche Berater der Landrätin hat mir gesagt, ursprünglich wäre alles anders geplant gewesen“, verrät er. Zuerst sollte eine Presseveröffentlichung die Clarsbacher über die Gründe für die Fällung und den Termin informieren. Dann habe sich „irgendeiner“ wohl anders entschieden. „Der Baum war krank“, betonen Roßtals Zweiter Bürgermeister Friedrich Wagner, Andreas Leßmann von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt und Max Sirch, Leiter des Straßenbauamtes Nürnberg, unisono. Die Untere Naturschutzbehörde hatte das Straßenbauamt Nürnberg mit Baumpflege und Fällung beauftragt.

Gemeinsam verweisen Wagner, Leßmann und Sirch auf das Gutachten eines staatlich vereidigten Sachverständigen. Der habe festgestellt, dass Clarsbachs Wahrzeichen extreme Fäulnis aufweist und vom aggressiven Brandkrustenpilz zerfressen wird. Die Rosskastanie, so empfiehlt der Gutachter, solle noch vor der „Wiederbelaubung“ entfernt werden. Gesagt, getan. „Wenn der Baum im Frühjahr Blätter bekommt, wirken diese wie ein Segel. Ein kleiner Sturm hätte zum Umknicken führen können“, befürchtet Leßmann, der darin eine Gefahr für den Straßenverkehr erkannte. Dass die plötzliche Fällaktion etwas mit der geplanten Straßenverlegung zu tun haben könnte, über die der Marktgemeinderat am Dienstag beschließt, weist er zurück. Diesen Verdacht hegen allerdings die Clarsbacher, die an ein Gutachten nicht recht glauben mögen.

Vom Urgroßvater gepflanzt

„Schauen Sie sich den Stumpf an, der Baum war kerngesund“, sagt Behringer. Erich Scheiderer, dessen Urgroßvater die Kastanie einst pflanzte, glaubt wie alle anderen, dass die Politiker und Ämter die Clarsbacher Bürger verschaukeln wollen. Das Gutachten kriegten sie jedenfalls nicht zu Gesicht, und der angeblich marode Stamm wurde innerhalb einer Stunde abtransportiert. Laut Straßenbauamt Nürnberg soll die Kreuzung, an der der Baum stand, in Kürze übersichtlicher gestaltet werden. Anschließend sei eine Wiederbegrünung geplant, die aber Sache des Marktes Roßtal sei.

„Mir liegt sehr am Herzen, dass dort möglichst schnell wieder ein Baum gepflanzt wird“, erklärt Roßtals Zweiter Bürgermeister Wagner. Schweren Schrittes wolle er am Sonntag um zehn Uhr zum Kastanien-Frühschoppen ins Gasthaus „Zum Wiesengrund“ gehen, wo die Clarsbacher protestieren und etliche Fragen stellen wollen. Fordern die Dorfbewohner nun eine neue Kastanie? „Ach wo“, sagt Behringer stellvertretend für alle anderen, „dann dürfen sich die Generationen nach uns wieder mit den Ämtern herumärgern.“

Quelle: Fürther Nachrichten vom 13./14. März 2004/FN/Seite 1


Die Kastanie im September 2002

Die Kastanie im September 2002 Die Kastanie im September 2002

Die neue Kastanie

Im November 2007 pflanzten die Männer Gesangvereins »Eintracht« Raitersaich-Clarsbach zusammen mit Agnes Brak – Michael Brak war in dieser Zeit zur Reha in Bad Steben – und Clarsbacher Bürgerinnen und Bürgern die Baumspende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in der Nähe des alten Standortes ein.


Marktrat Michael Brak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) hatte anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Gesangvereins »Eintracht« Raitersaich-Clarsbach im Juni 2007 einen Kastanienbaum gespendet. Der Gutschein für die neue Kastanie wurde dem 1. Vorsitzenden Norbert Brüning überreicht.

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