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Roßtals Plakatschlacht

Im Vorfeld des Bürgerentscheids tun sich Gräben auf

VON BEATE UND SABINE DIETZ

ROSSTAL – Im Vorfeld des Bürgerentscheids am 17. Juli über die Ansiedlung eines fünften Supermarktes ist die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern eskaliert.

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Der Schilderwald in Roßtal blüht: Auf SPD-Plakatständern bündeln die Gegner eines weiteren Supermarktes am Ort ihre Argumente. Pro Discounter wirbt Rewe – auf Werbeträgern der CSU.
Foto: Hans-Joachim Winckler

SPD-Gemeinderat Wolfgang Goroll ist von seinen umweltpolitischen Ämtern zurückgetreten. Aus Verärgerung über die Ignoranz, die die Marktratsmehrheit und Bürgermeister Maximilian Gaul (CSU) gegenüber den im Leitbild verankerten Grundsätzen zur Ortsentwicklung nach Ansicht Gorolls zeigten, hat der erklärte Gegner der Ansiedlung des Discounters am Ortsausgang Richtung Weinzierlein den Vorsitz im Agenda-Unterausschuss und den Posten als Umweltreferent niedergelegt.

Die Auseinandersetzung spiegelt sich auch im Straßenbild. Man könnte fast meinen, in Roßtal sei Wahlkampf. Äußerst engagiert zeigt sich dabei Rewe: „Großzügige Parkplätze, prima einkaufen, alles unter einem Dach, Riesensortiment – Sie entscheiden“ steht auf Druckwerken der Discounterkette zu lesen. Geklebt sind sie auf Plakatständer der CSU.

Das Aktionsbündnis unter Gorolls Regie, das neben Ex-SPD-Gemeinderat Gerhard Rupprecht der Bündnisgrüne Michael Brak und der Anlieger Herbert Findeis tragen, hält mit 5000 bedruckten Papiertragetaschen und kleinformatigen Plakaten, die Gewerbetreibende unterstützen, auf SPD-Plakatständern dagegen: „Wir sind für ein lebendiges Ortszentrum, Erhalt von Arbeitsplätzen, größere Vielfalt, besseren Service und ein schönes Roßtal“.

Seinen Rückzug aus den umweltpolitischen Ämtern begründet Goroll in erster Linie damit, dass bei den Planungen für den Supermarkt das gemeindliche Leitbild Agenda 2010 in wesentlichen Punkten missachtet worden sei: Im November vergangenen Jahres hat der Gemeinderat das über drei Jahre auf breiter Basis in etlichen Arbeitskreisen erarbeitete Leitbild verabschiedet.

Am intensivsten diskutiert wurde in diesem Prozess der Flächennutzungsplan (FLNP). Nach vielen Gesprächen hätten sich zwei anfangs völlig konträre Lager auf den Kompromiss geeinigt, den bestehenden FLNP als Basis einer gemäßigten Entwicklung zu akzeptieren und keine Bau- oder Gewerbegebiete auszuweisen, die über das in dem 1995 verabschiedete Konzept festgelegte Maß hinausgehen, so Goroll.

„Doch gleich beim ersten Fall, in dem das selbst verordnete Leitbild zum Tragen kommen müsste, wird es in Frage gestellt, mehr noch, sogar konterkariert“, klagt Goroll. „Da braucht nur ein Investor anklopfen, dann sind wesentliche Aspekte – etwa die, den örtlichen Handel und Arbeitsplätze vor Ort zu schützen, das Ortsbild zu erhalten und eine Zersiedelung zu verhindern – plötzlich nichts mehr wert.“

Als der von Gaul „permanent propagierten Bürgerkommune zuwiderlaufend“ verurteilt Goroll auch die nichtöffentliche Entscheidung, ob das 8000 Quadratmeter große Grundstück, das im Besitz der Marktgemeinde ist, als Standort eines Supermarktes verkauft werden soll. Inzwischen scheint es zwar ein offenes Geheimnis zu sein, dass das Votum mit den Stimmen von CSU und FW knapp für den Verkauf fiel, doch die Gemeinderäte mussten sich zu Stillschweigen verpflichten. Offiziell bestätigt ist nichts.

Als einzig konsequenten Schritt bewertet Gorolls Parteikollege Gerhard Rupprecht dessen Rücktritt. Rupprecht war einer derjenigen, die mit dem Ex-Umweltreferenten binnen kürzester Zeit 1500 Unterschriften gegen das Supermarktprojekt gesammelt hatten. „Was sich der Wolfgang Arbeit gemacht hat die letzten Jahre, und jetzt entpuppt sich das als völlig sinnlos – ich kann's verstehen, wenn er nicht mehr mag.“

Wie tief die Gräben sind, die sich mit der Supermarktdebatte aufgetan haben, zeigen Vorwürfe Gorolls direkt an die Adresse Bürgermeister Gauls: „Wenn angeblich Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Kreativität, Weitblick und alle sonstigen positiven Attribute einzig und allein in Ihrem Handeln zu finden sind und Verhinderung, Destruktion, Polemik, Kurzsichtigkeit und alle sonstigen negativen Attribute mir zuzuweisen sind“, dann, so Goroll, könne das nur bedeuten, dass künftig andere den Agenda-Prozess in die Hand nehmen müssten. „Ich bin dafür augenscheinlich völlig ungeeignet.“

Dass die Mehrheit der Bevölkerung die Meinung der Gegner eines Supermarktes auf Gemeindegrund teilt, hält Rupprecht übrigens für ausgemacht: „Unsere einzige Sorge ist, dass die Leut' nicht wählen gehen, wenn's am 17. Juli recht schön ist.“ Vom Gegenteil überzeugt sind die Investoren für den Supermarkt: Hans-Joachim Fleischer und Lars Krakat. In vielen Gesprächen haben sie in Roßtal für ihr Projekt geworben. Entstehen soll nach ihren Vorstellungen ein kleines Einkaufszentrum mit einer Verkaufsfläche von 1900 Quadratmetern. Platz genug für den Rewe-Supermarkt, einen Textilanbieter, ein Drogeriegeschäft und einen Getränkemarkt. Rund 120 Parkplätze komplettieren das Vorhaben.

Fleischer und Krakat haben rund 50 solche Märkte in Deutschland gebaut. Auf eine Situation wie in Roßtal seien sie dabei in zweifacher Hinsicht noch nie gestoßen. „Zum einen“, so Fleischer, „ist die Verkaufsfläche in Relation zur Bevölkerung außerordentlich niedrig. Zum anderen ist der Widerstand gegen die Ansiedlung außerordentlich hoch.“ Krakat meint sogar überspitzt: „Es wird so getan, als wollten wir ein Atomkraftwerk bauen.“

Die Argumente der Gegner, so die Investoren, seien jederzeit zu widerlegen. In den Vorplanungen haben sie einigen Bedenken bereits Rechnung getragen. So sei, um die Sicht auf das historische Ortsbild nicht zu verstellen, der Baukörper anders ausgerichtet worden. Unverständlich ist ihnen zudem, dass sich dem Widerstand Geschäftsleute anschlössen, die von dem Markt eher profitieren würden, anstatt mit Konkurrenz rechnen zu müssen, wie Optiker oder Apotheker. Selbst für Bäcker und Metzger sei die Neuansiedlung eher eine Chance, da es zum Rewe-Konzept gehöre, regionale Anbieter zu integrieren.

Auch das gefürchtete Argument „gefährdete Arbeitsplätze“ ziehe nicht, denn das Vorhaben schaffe rund 25 neue Stellen. Dass die neuen Beschäftigten dann alle Hände voll zu tun hätten, davon sind Fleischer und Krakat überzeugt. Kundenpotenzial sei genug vorhanden, gezielt angesprochen durch die Lage des Supermarktes würden Pendler, die jetzt hauptsächlich in Zirndorf einkaufen.

Überzeugt von dem Projekt Supermarkt ist auch Bürgermeister Maximilian Gaul. Gorolls Rücktritt kommentiert er als „überraschend“ und vermutet dahinter „mangelnde Kompromissbereitschaft“. Besonders ärgert ihn die Unterstellung, alles sei hinter verschlossenen Türen entschieden worden: „Das Gegenteil ist der Fall, bei Besprechungen mit den Fraktionen, den Fraktionsvorsitzenden und den Gewerbetreibenden wurde alles offen vorgestellt.“

Gorolls Kritik, dass die Planung dem FLNP zuwiderlaufe, sieht Gaul wohl als einen „Zielkonflikt“. „Wenn es allerdings nur um Flächenausgleich geht, hätten wir ja darüber reden können.“ Er erläutert außerdem, dass vor zehn Jahren, als der Roßtaler FLNP entstand, noch niemand an die heutige Entwicklung im Handel gedacht habe und daher solche Flächen auch nicht ausgewiesen wurden. Heute aber sei die Gemeinde auf dem Sprung zum Unterzentrum.

Noch ist der FLNP vom Marktrat nicht geändert, schon gar nicht liegt ein Bauantrag vor. Lediglich ein Gutachten ist bei der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung in Auftrag gegeben, das über das Käuferpotenzial Auskunft geben soll. Auch auf diese Daten wartet man noch.

Wieso zum jetzigen Zeitpunkt dann bereits ein Bürgerbegehren gestartet wird, dazu wirft Gaul das Stichwort "Indiskretion" ein. Schon kurz nach den nicht öffentlichen Vorgesprächen im Gemeinderat brodelte im ganzen Markt die Gerüchteküche. Bald folgte die Unterschriftenaktion gegen den Supermarkt.

Jetzt sind also die Bürger gefragt, ob sie die Ansiedlung wünschen. Sollten sie mit Ja stimmen, könnte der Supermarkt frühestens 2007 seine Türen öffnen. Bei einem Nein, so meint Gaul, gäbe es eine zeitliche Verzögerung, aber da Roßtal ein guter Standort sei, werde das Thema immer wieder aufkommen.

Quelle: Fürther Nachrichten vom 1. Juli 2005/HFL/Seite 1

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